Die Geschichte des Archivs.

Gegründet im Mai 1999 beginnt seine Vorgeschichte in den Merkwürdigkeiten sozialistischen Jazz- und Bluesdaseins, ist auf das Engste verwoben mit den turbulenten Fahrwassern und Sehnsüchten der „AG Jazz im Automobilwerk Eisenach“. Mit einem noch heute für eine Provinzstadt Staunen hervorrufenden Veranstaltungsprogramm setzte der im Januar 1959 gegründete Jazzclub stetig Zeichen gegen die längst engstirnig gewordene sozialistische Kulturpraxis.

Die DDR-Tristesse durchbrach in der Mitte der siebziger Jahre der Pianist, Sänger und leidenschaftliche Sammler Günter Boas (1920 – 1993) im gerade wieder möglich gewordenem deutsch-deutschen Kulturaustausch mit zwei fulminanten und umjubelten Konzerten. Boas ließ sich spontan auf Eisenach ein und stiftete der Idee eines künftigen Archivs seine nicht nur in der Blueswelt weithin bekannte und geschätzte Sammlung, die Idee hatte ein Fundament erhalten.

Einzigartige Sammlungen fanden in den folgenden Jahren aus den Kellern der Zeit den Weg nach Eisenach. Allein die mannigfaltigen Dokumente Horst Lippmanns fügen sich zu einer musik- und zeitgeschichtlichen Fundgrube.

Lippmanns jahrzehntelange Mitstreiter Fritz Rau (1930–2013) und Günther Kieser stifteten zudem Tausende von Schallplatten, dokumentarische Raritäten und ein Konvolut von längst als legendär geltenden Plakatklassikern. Letztere setzten einst beim Hessischen Rundfunk (HR) in Frankfurt neue Gestaltungsmaßstäbe und bildeten zudem die Inspiration für den beim Westdeutschen Rundfunks (WDR) ebenfalls neue Wege gehenden Willy Fleckhaus. Günther Kieser und Willy Fleckhaus revolutionierten die Plakatkunst Anfang der 60er Jahre, gleich einem gewaltigen Blasebalg. Dieser „hat so lange in den provinziellen Mief hineingeblasen, bis die Elemente aufgeflogen waren und der eine Ausdruck groß im Raum stand.“ (Vilim Vasata)

Die Glastüren zum Eisenacher Archiv flogen dank all dieser Kostbarkeiten weit auf, ein An- und Zustiften mit Folgen. Archive entstehen allmählich und bunt wie Korallenbänke. Ihre Keimzellen sind vielfältig, aber stets haben sie mit dem Wunsch zu tun, Erinnerung an außergewöhnliche Werke, besondere Künstler oder Sammler, besondere Geschichte oder Geschichten wach zu halten, das heißt handfeste Beweise für deren Existenz zu sichern. In Eisenach fügen sich diese Beweise vom Vibraphon Hazy Osterwalds, der Handschrift Mick Jaggers, Fotos der großartigen Stephanie Wiesand, dem Skizzenbuch von Joan Baez, dem Notenblatt Willie Dixons bis zur persönlich ergänzten Diskografie Benny Goodmans.

 

Damit all das nicht erstarrt, gibt es ein behutsames wissenschaftliches Umgehen mit den kultur- und musikgeschichtlichen Zeugnissen. Die benachbarten Universitäten in Weimar (Hochschule für Musik „Franz Liszt“; Bauhaus Universität) und Jena (Friedrich-Schiller-Universität; Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena) sind dabei kooperative Partner. Im Lippmann + Rau – Musikrchiv hat begonnen, wozu Archive gebraucht werden, denn sie sind das Brot der Kultur:

 

„Die Nacherzählung, die Analyse, das Lösen von Rätseln und die Entdeckung von Geheimnissen – manchmal auch die ‚Rekonstruktion des Magischen‘.“ (Eva Demski)