Die AG Jazz Eisenach

Die »Arbeitsgemeinschaft Jazz« Eisenach wurde Anfang 1959 gegründet und ist heute (als Lippmann+Rau-Stiftung Eisenach) der älteste noch aktive Jazzklub im Osten Deutschlands. Da zu diktatorisch regierten DDR-Zeiten Eigeninitiativen junger Leute nicht erwünscht waren, fand diese Gründung unter den Fittichen des ortsansässigen Automobilwerkes statt.

Manfred Blume, AG Jazz Eisenach, 1970er, Lippmann+Rau-Archiv Eisenach
(Rechte Klaus-Dieter Fiesinger)

Erster Leiter der Arbeitsgemeinschaft war Manfred Blume (1938-1986, hier bei einer Session mit Posaune), welcher auch die erste Ausgabe der klubinternen Mitteilungen, »die posaune«, initiierte. Die »posaune« erschien daraufhin vierteljährlich mit Unterbrechungen bis in die 1980er Jahre, zu ihren Hochzeiten als 20-seitige Zeitschrift, mit Autoren aus der gesamten DDR und auch ebenso weit verbreitet.

 

Der langjährige Leiter des Eisenacher Jazzklubs, Reinhard Lorenz, erinnert sich:

Mythos »posaune«

 

Ich erinnere mich noch genau: Es war ein sonniger Frühherbsttag in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, gerade war ich sechzehn Jahre alt geworden und mein Teenager-Dasein driftete in Richtung Abitur. Zwei Jahre zuvor, am 7. April 1965, hatte ein denkwürdiges Konzert tiefe Spuren in meinem Herzen hinterlassen, die bis ins Heute reichen. Kein Geringerer als der große Louis Armstrong hob in der Erfurter Thüringenhalle meine jugendliche Weltsicht aus den Angeln und machte mich lebenslang neugierig auf afro-amerikanische Musik und Kultur.

 

Mein damaliger und unvergessen gebliebener Kunstlehrer musste mich während der nächtlichen Rückfahrt nicht überreden, Mitglied in der damals so genannten »Arbeitsgemeinschaft Jazz des Automobilwerkes« zu werden. Fortan gehörte ich zu jenem stadtbekannten Kreis, der versuchte, mit Konzerten, Vorträgen und eben der »posaune« für eine stete Verbreitung des Jazzbazillus zu sorgen.

 

Zurück zu jenem Frühherbsttag. Manfred Blume, ungekrönter König und rastloser Motor der Eisenacher Jazzszene, hatte mich und einige weitere Jazzenthusiasten in sein Wohnzimmer, Heinrichstraße 26, bestellt. Schon im Treppenhaus schlug mir der scharfe Geruch von Spiritus entgegen, Minuten später fand ich mich als geradezu konspirativer Akteur eines Verfahrens wieder, welches mittels Handkraft und Kurbel eine Matritze in Bewegung setzte und diese auf seltsame Weise vervielfältigte. Die so entstandenen Blätter, bedruckt mit Jazzneuigkeiten aus nah und fern, wurden sorgfältig abgelegt und ergaben im Verlauf der nächsten Stunden die Auflagenhöhe der legendenumwitterten Gazette, nur die Papierknappheit setzte dem Grenzen.

 

Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis ich meinen ersten Artikel in der »posaune« lesen konnte, mich im Reigen bekannter und unbekannt gebliebener Autoren wiederfand. Die »posaune« stieß eine zeitlang ein Fenster zur (Jazz-)Welt auf und steht bis heute für Enthusiasmus und Leidenschaft, gewidmet einer Musik, die auch den Beinamen »Sound der Freiheit« trägt.

 

Reinhard Lorenz, November 2022